Patrick Maestro, Wissenschaftlicher Leiter bei Solvay (im Foto oben links neben Solvay-CEO Jean-Pierre Clamadieu), ist Frankreichs ranghöchste Auszeichnung verliehen worden: der Verdienstorden der Ehrenlegion. Der perfekte Anlass, um mit ihm über die Kombination von Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft zu sprechen, die Innovationen fördern, Geschäftsfelder erschließen und die Welt dabei zu einem besseren Ort machen soll.

 

Patrick, Erläutern Sie uns doch bitte, was ein Wissenschaftlicher Leiter genau macht?

Mein Job ist sehr vielseitig. Grundsätzlich besteht meine Rolle darin sicherzustellen, dass Solvay dauerhaft auf der Höhe der Wissenschaft bleibt, die richtigen Fähigkeiten und das richtige Wissen hat, um die Themen, an denen wir arbeiten, anzugehen – intern für alle unsere Business Units und darüber hinaus auch über viele Verbindungen zur Außenwelt.

 

Menschen miteinander in Kontakt zu bringen macht demnach einen Großteil Ihrer Arbeit aus?

Absolut. Mein Job ist es, Solvay-Forscher miteinander und wenn möglich auch mit dem Rest der Gruppe (Marketing, Business etc.), aber auch mit universitären Forschungslaboren auf der ganzen Welt sowie unseren Partnern und Kunden in Kontakt zu bringen. Mein Job ist es, Einfluss zu nehmen, zu vernetzen, Türen zu öffnen, Zugang zu gewähren und bei allem, was in den Forschungsgebieten, die Solvay betreffen, vor sich geht, auf dem neuesten Stand zu sein. Ich habe das Glück, mit sehr namhaften Wissenschaftlern in Verbindung zu stehen, darunter mit mehreren Nobelpreisträgern. Da ich aber auch Mitglied der Jury des Solvay Prizebin, habe ich Zugang zu den brillantesten Wissenschaftlern unserer Zeit. Meine Arbeit ist eine Mischung aus Wissenschaft und menschlichen Beziehungen, weil ich zu sehr unterschiedlichen Menschen Kontakt habe. Solvays Wissenschaft ist die angewandte Wissenschaft. Ihr Ziel ist es, Geschäftsfelder zu erschließen, aber die Gruppe stützt sich dabei auf die theoretische und die Grundlagen-Forschung, deshalb muss man beides unablässig miteinander verknüpfen.

 

Mit dem Ziel, Innovationen zu fördern?

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Ja. Innovationen sind immer ein sehr komplexer Prozess, der alle Arten von Kompetenzen kombiniert wie Forschung, Marketing, Industrial, Recht, Business… Unser „Advanced Materials“-Labor in Lyon hat beispielsweise dazu beigetragen dass wir verstehen, wie sich Kieselsäure in Kautschuk verteilt. Das wiederum hat zu Businessanwendungen für Reifen geführt. Das war  nur ein Teil eines weltweiten Innovationsprojekts, das unsere Global Business Unit Silica geleitet hat. Ein weiteres Beispiel: Da wir das Verhalten von Lösemittel genau kennen, können wir mit der GBU Novecare umweltgerechtere Lösemittelkombinationen entwickeln. Wissenschaftliche Erkenntnisse tragen dazu bei, schneller – und mit mehr Selbstvertrauen – auf den Markt zu kommen, weil wir wissen, wie unsere Chemie, unsere Technologien und die dazugehörigen Systeme funktionieren.

 

Diese Innovationen sind oft das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Partnern…

Im Rahmen meines Jobs verwalte ich auch ein Forschungsbudget. Diesem ist zu verdanken, dass ich mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten und offene Innovationen, die in Solvays DNA verankert sind, fördern kann. So pflegen wir beispielsweise eine weltweite Partnerschaft mit dem CNRS (Nationales Zentrum für Wissenschaftliche Forschung) in Frankreich. Wir haben vier gemeinsame Forschungszentren in Frankreich, den USA und in China eröffnet, die unsere internen Forscher, CNRS-Forscher und internationale Studenten miteinander vernetzen. Sie alle arbeiten in Solvay-Anlagen, natürlich im Rahmen klar definierter Geheimhaltungsvereinbarungen, an Themen wie umweltgerechte Reaktionen für neue Prozesse, Mikrofluidik für chemische Reaktionen und Mischen, Untersuchung komplexer Rezepturen und Advanced materials. Durch die Arbeit an Spitzenforschungsthemen können wir das Anwendungsspektrum für unsere Werkstoffe erweitern. Untersuchen wir beispielsweise, welche Wirkung Scherkräfte auf Tensid-Mischungen haben, hilft uns dies, herauszufinden, wie sich das Verteilen von Creme auf der Haut mit den Fingern auf die physikochemischen Eigenschaften und somit auf die Leistung auswirkt. Außerdem haben wir mehrere andere Programme für die Zusammenarbeit, zum Beispiel mit den Universitäten Stanford und U Penn (Pennsylvania)  in den USA, mit Hochschulen in China, Korea und der Schweiz – die Forschung bei Solvay ist durch und durch international.

Wissenschaftliche Erkenntnisse tragen dazu bei, schneller - und mit mehr Selbstvertrauen - auf den Markt zu kommen.

Patrick Maestro, Wissenschaftlicher Leiter bei Solvay

Wissenschaft im Zentrum

Wie wird man Wissenschaftlicher Leiter? Wie ist Ihr beruflicher Werdegang verlaufen?

patrick maestro black and white

Ich stamme ursprünglich aus Bordeaux. Ich habe Chemie studiert und in einem Forschungslabor promoviert, das ein hohes Wissenschaftsniveau mit der Ausrichtung auf die jeweiligen Anwendungen verbunden hat. Das hat mich schließlich zur industriellen Forschung bei Rhône Poulenc geführt. Ich wurde dort wissenschaftlicher Berater, später wissenschaftlicher Leiter bei Rhodia und dann bei Solvay. Diese Position habe ich alles in allem seit über 15 Jahren inne. Bei Rhodia und Solvay habe ich mich immer in meiner Ansicht bestärkt gefühlt, dass eine Produktanwendung ohne Wissenschaft nicht möglich ist. Wissenschaft ist natürlich traditionell in Solvays DNA verankert, das zeigen die Solvay-Institute und Konferenzen.

 

Worauf sind Sie in Ihrer Karriere als Wissenschaftler ganz besonders stolz?

Dass ich zu einer Reihe von Entdeckungen im Zusammenhang mit seltenen Erden beigetragen habe, die lange Zeit mein Spezialgebiet waren und Katalysatoren, Lumineszenz und Pigmente für Polymere betreffen, die in meinen Laboren entwickelt wurden. Das alles waren Kundenanfragen, aber es mussten mithilfe wissenschaftlicher Forschung die richtigen Lösungen gefunden werden. Außerdem bin ich stolz darauf, dass ich diese Komfortzone verlassen habe, um völlig andere Gebiete zu erkunden.

Im November haben Sie nicht nur den Orden der Ehrenlegion erhalten, sondern auch am Disruptive Innovation Festival (DIF)der Ellen MacArthur-Stiftung teilgenommen… 

Ja, ich habe als Vertreter von Solvay erläutert, dass die Chemie ein echter Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft ist. Ob Depolymerisation zum Recyceln von Kunststoffen oder Wasserstoffperoxid-Kreislauf in der Papierindustrie – die Chemie ist von grundlegender Bedeutung, um die Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Den Verdienstorden der Ehrenlegion betrachte ich in aller Bescheidenheit als Anerkennung meiner beruflichen Laufbahn. In den letzten zehn Jahren hatte ich Kontakte zu vielen einflussreichen Personen aus Wissenschaft und Industrie. Ich wurde zum Mitglied der französischen  Academy of Engineering gewählt, und das CNRS hat mir eine Innovationsmedaille verliehen. All dies hat mir in einer nach wie vor relativ kleinen Community einen gewissen Bekanntheitsgrad verschafft. 

 

Sie werden immer mehr zu einer Person des öffentlichen Lebens. Welche Botschaft möchten Sie weitergeben?

Ich möchte junge Menschen ermutigen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, weil das für die Zukunft wichtig ist. Es freut mich zu sehen, dass sich heute viele junge Menschen für die Wissenschaft interessieren. Ich versuche, sie zu unterstützen und meine Erfahrungen soweit ich es vermag weiterzugeben.

Patrick Maestro speaking